Die Abschlussveranstaltung bot einen Überblick über alle Wettbewerbsbeiträge 2017. Diese wurden in Form kurzer Video-Ausschnitte präsentiert. Musikalisch gestaltet wurde der Abend von PODIUM Festival Strings. Auf dem Programm stand:

Richard Strauss: Metamorphosen für 23 Solostreicher
Steve Reich: Triple Quartet

An die Präsentation der acht Wettbewerbsbeiträge schloß sich die Bekanntgabe der Preisträgerinnen und Preisträger sowie die Preisverleihung an.

Moderation: Annekatrin Hentschel
Künstlerische Leitung PODIUM Esslingen: Steven Walter
Musikalische Leitung: Miguel Pérez Iñesta
Konzertchoreographie: Iñigo Giner Miranda

Veranstaltet in Kooperation mit Pierre Boulez Saal und PODIUM Esslingen.

In der Performance „Different Trains | Different Art“ tauchen die Zuhörer in das Amerika der 1940er Jahre ein: der junge Steve Reich nimmt sie mit auf die Fahrt von New York nach Los Angeles. Seine Eltern leben getrennt, und er pendelt mit seiner Gouvernante zwischen Vater und Mutter. Jahre später reflektierte er diese Reisen: wäre er als Kind jüdischer Eltern nicht in den USA, sondern in Europa mit dem Zug gereist, hätte das seinen Tod bedeuten können.

„Different Trains“ von Steve Reich ist ein Werk für Streichquartett mit zugespieltem Tonband. Die musikalischen Elemente erwachsen aus Geräuschen wie dem Pfeifen und Rattern fahrender Züge sowie Interviews mit Zeitzeugen und Holocaust-Überlebenden. So wird beispielsweise aus dem Satz „From Chicago to New York“ eine rhythmische Zelle gebaut, die von den Streichern aufgegriffen und ständig wiederholt wird. Der Kriegshorror wird außerdem durch Effekte wie eine schallende Sirene im Tonband wiedergegeben.

Für das Projekt hatte sich der Bauhaus-Universität-Absolvent Lucian Patermann intensiv mit der Musik beschäftigt und Bilder dazu geschaffen, die inhaltlich und zeitlich genau auf die Musik abgestimmt waren. Jede musikalische Aussage, jede Phrase, jedes kleine Detail wurde auch auf die Leinwand projiziert. Das Grundelement der Visualisierung waren Buchstaben, die sich in Kreise und Gleise, in Fratzen und Masken, in Gesichter und Züge verwandelten.

Das zweite Werk trug den Titel „WTC 9/11“ und wurde zum Gedenken an die Opfer der Anschläge auf das World Trade Center im Jahr 2001 komponiert. Hierfür hat Patermann Tusch-Arbeiten geschaffen, die er für die Projektion so bearbeitet hatte, dass sie in Zeitlupentempo ineinander übergingen. Die Atmosphäre, die so entstand, war eine ganz andere als bei „Different Trains | Different Art“: der Zuhörer wurde durch die Ruhe der Bilder in einen geradezu meditativen Zustand versetzt und konnte sich fast wie von selbst in die Feinheiten des musikalischen Ausdrucks versenken.

Auch in dieser Komposition bilden Interviews und originale Tondokumente die Basis, anders als bei „Different Trains“ wird aber weniger fragmentiert, sondern vielmehr eine zusammenhängende Geschichte erzählt. Das Werk endet mit einem jüdischen Gesang auf den Psalm 121:8, der vom Quartett aufgegriffen wird und die Musik vom Tonband begleitet.

Um dem Publikum einen leichteren Zugang zu den Werken zu ermöglichen, wurden sie in einer Einleitung vorgestellt, durch Moderation zueinander in Beziehung gesetzt, und durch die Rezitation der auf den Tonbändern aufgezeichneten Texte erklärt.

Ein Beitrag der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar.

Aufführendes Ensemble:
New Music Ensemble Weimar

VIDEO-DOKUMENTATION

„Die Tauben haben ihre Ohren gefunden, – ihre Augen die Blinden“.

Voller Begeisterung lobt ein anonymer Autor 1724 das Wirken von Georg Friedrich Händel in London. Musica Sequenza konfrontiert Händels Opernarien mit den musikalisch-technischen Formen und Klängen des urbanen 21. Jahrhunderts.

Der Komponist und Ensembleleiter Burak Özdemir erforscht seit seiner Kindheit Klänge. Er nimmt sie auf, mischt und verfremdet sie, lotet ihre Wandelbarkeit aus. Zum Wissen über die Spieltechniken auf historischen Instrumenten kommen die schier unbegrenzten Möglichkeiten der Elektronik. Menschliche Gefühle wie Liebe, Schmerz, Freude sind dieselben wie zu Händels Zeit. In der barocken Opera seria (ernsthafte Oper) werden sie, als Affekte (Gefühlszustände) dargestellt, fein säuberlich getrennt. Hier setzt das Ensemble an. Es bringt die Elektronik als Kammermusikpartner ins Spiel. Jede Arie hat eine eigene Klangwelt.

Die Dramatik und Leidenschaft der Liebesarien aus Opern von Georg Friedrich Händel, gespielt auf historischen Instrumenten, trifft auf die kühlen, synthetischen Klänge des Synthesizers. Abenteuerliche elektronische Klänge treffen auf die Liebesgesänge von Händels Opernhelden. Die zeitlosen Gefühle lassen sich so ganz neu hören. Koproduzent des Projekts ist der schwedische DJ Van Rivers, der die derzeitige Underground- und Electropop-Szene entscheidend beeinflusst.

Bei dem Aufeinandertreffen dieser Klangwelten soll keine Angleichung oder Verschmelzung stattfinden; Musica Sequenza will die barocken und die elektronischen Klänge „wie Schwarz und Weiß aufeinanderprallen“ lassen. Jede Klangwelt bleibt wie sie ist, existiert parallel zur anderen; eine gegenseitige Beeinflussung findet nicht statt. Mal legen sich Herzschlag-Rhythmen und Klick-Geräusche dezent auf eine Händel-Arie, mal wechseln die Klangwelten einander ab oder legen sich einfach wie zwei voneinander isolierte Schichten übereinander.

Doch je mehr man sich auf dieses Experiment einlässt, desto interessanter wird es, denn das Aufeinandertreffen der Klänge folgt einer geschickten Dramaturgie und ist raffiniert koordiniert. Jede Händel-Arie oder auch einzelne Abschnitte davon werden durch die hinzugefügten Klänge in ein neues Licht getaucht, in einen anderen Kontext gestellt. Beim Hören entdeckt man immer wieder neue Klänge oder Geräusche, und plötzlich stellen sich doch Verbindungen zwischen diesen so grundverschiedenen Klangwelten ein. Wer sich dieses Projekt mit offenen Ohren anhört und sich auf das Klangabenteuer einlässt, wird staunen, wie gut Händels Musik die modernen Klänge verträgt.

Ein Beitrag der Universität der Künste Berlin.

Aufführendes Ensemble:
Musica Sequenza

VIDEO-DOKUMENTATION

Das Duo LouLou spielte eigene Stücke sowie Werke aus den Bereichen Jazz, Pop und Klassik. Alles außer Rand und Band! Durch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Stilen und Epochen bot das Programm allerhand Stilbrüche, Farbkontraste und Stimmungsschwankungen.

Größte Quelle der Inspiration ist dabei die Figur der Lulu aus der gleichnamigen Oper von Alban Berg. Lulu=Mhmmmmuse! Und damit ist das Duo nicht allein: Es sind ganze Heerscharen, die dem Wesen Lulus, dem „Tier“, verfallen. Ein Fluch? Ein Segen? Ein merkwürdiges Spiel!

Mit Texten von Frank Wedekind und Gottfried Benn sowie Musik von Bach bis Björk. LouLou präsentierte Ausschnitte aus ihrem Programm „LouLou & die Heerscharen
der Verfluchten“. Hereinspaziert in die Menagerie!

Ein Beitrag der Hochschule für Musik Saar.

Ausgezeichnet mit dem Preis für Publikumserfolg

Aufführendes Ensemble:
LouLou

VIDEO-DOKUMENTATION

Christoph W. Bauer, Lyrik.

Gemeinsam mit dem österreichischen Autor Christoph W. Bauer entwarfen Kompositionsstudierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim einen imaginären Spaziergang durch Bauers lyrisches Werk. In diesem Streifzug traf Lyrik zwischen Punk und Poesie auf musikalische Neubefragungen durch junge Komponistinnen und Komponisten der Gattung Lied.

Im unmittelbaren Blick auf Traditionen und dem lustvollen Spiel mit Erwartungen entstanden neue Kompositionen für Stimme und Kammerensemble, elektroakustische Hörstücke und audiovisuelle Überschreibungen.

Eine Produktion der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim in Kooperation mit dem Heidelberger Frühling 2017.

Aufführendes Ensemble:
MA.NM Ensemble

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Connected to time music reveals its own space.
Connected to space music reveals its own time.

„Moving Sounds“ ist ein inszeniertes Konzert, das Raum, Bewegung und neueste interaktive Sensortechnik mit einem genreübergreifenden Verständnis von zeitgenössischer Musik verbindet.

In der Komposition für Jongleurin, klingende Sensorbälle, sechs Gitarren und Soundtrack des renommierten Komponisten Henry Fourès mischen sich ausnotierte Musik, improvisierte Stimmungen und vorproduzierte Klangwelten mit den ausdrucksstarken Körper- und Bewegungsgestalten der interaktiven Jonglierkunst. Ursprünglich wurde das Werk im Auftrag des Landeszentrums MUSIK-DESIGN-PERFORMANCE der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen für das Ensemble Open Source Guitars (OSG) und den Jongleur Jérôme Thomas geschrieben. In Berlin wurde die Jonglage von der Künstlerin Ria Rehfuß übernommen, die ihr eigenes poetisch-musikalisches Bewegungskonzept zu der Musik von Henry Fourès und OSG gestaltete.

Die von den französischen Instituten IRCAM und GMEM entwickelten Sensorbälle der Jongleurin lösten Klänge aus der reichen und ungewöhnlichen Klangsammlung von OSG aus, die mit den live gespielten Gitarren verschmolzen, sie akzentuierten und mit Rhythmen unterlegten. Den Musikern bot Fourès die formale Struktur sowie Improvisationsvorlagen und ausgeklügelte Klanglandschaften, über die sie gemeinsam mit der Jongleurin Raum, Zeit und Klang gestalteten. Die Bewegung der Jongleurin im Raum und ihr Spiel mit den Sensorbällen war dabei ebenso Teil der sinnlichen Erfahrung wie das ungewöhnliche Klanguniversum von OSG.

Die Erfahrung von Bewegung und Körper in Verbindung mit Klang stand im Mittelpunkt dieser Aufführung. Das Ensemble OSG bewegte sich in seiner Komposition „Moving Sounds“ mühelos zwischen den Stilrichtungen Rock, Improvisation und neuer Kammermusik. Die Mitglieder schöpften dabei von ihrer Kompositions- und Aufführungserfahrung in multimedialen Theaterwerken, Konzeptkunst, Konzert-, und Filmmusik. So entstand auch „Moving Sounds“ als Kollektivkomposition der Bandmitglieder, die sich hierzu von unterschiedlichsten Stilen haben inspirieren lassen. Die italienische Noise Rock Band ‚Zu‘, die englische Avantgarde Rockband ‚Radiohead‘, der US-amerikanische Minimalist Steve Reich, die polnische Folk Gruppe ‚Kapela ze wsi Warszawa‘ und die deutsche Band ‚Rammstein‘ standen Pate für ihre Komposition.

Open Source Guitars spielten in ihrem Stück mit Ritualen, Rhythmen und Klanglandschaften. Ihren sechs Verstärkern (und neun Gitarren) standen sechs auf jeweils einen Spieler individualisierte Lautsprecher gegenüber. In einer ausgeklügelten Raumklangdramaturgie schickten die Musiker ihre „Moving Sounds“ von einem inneren Kreis aus live gespielten Gitarren auf einen äußeren, Publikum und Spieler umgebenden Lautsprecherkreis und bezogen so das Publikum unmittelbar in ihr Ritual ein.

Ein Beitrag der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen.

Aufführendes Ensemble:
Open Source Guitars

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WANDELKONZERT

STEGREIF.chamber begab sich auf einen Grenzgang. Die Musikerinnen und Musiker wollten näher an das Publikum, den Raum mit ihrem Klang bespielen und erforschen sowie musikalische wie performative Grenzen neu ausloten.

D-bü bringt klassische Musik auch an Spielorte, die man nicht sofort mit Musik in Verbindung bringt, wie beispielsweise das Pergamonmuseum. Das Ensemble STEGREIF.chamber testete in diesem geschichtsträchtigen Haus den inhaltlichen Brückenschlag zwischen der traditionsreichen abendländischen Kammermusik/Barock (Okzident) und der nicht minder vielfältigen Jazz- und elektronischen Musik bis hin zu orientalischen Klängen (Orient). Die Genres und Instrumente begegneten sich hierbei auf Augenhöhe und verwoben sich zu einem gemeinsamen Klang der sich um das Ischtar-Tor und das Publikum im Pergamonmuseum legte.

Der bewusste Bruch mit der Konzerttradition schaffte Raum für Improvisation und Performance. Es entstanden Möglichkeiten für neue, andere Zugänge der Interpretation der integrierten Genres. Unter Einbezug von Choreographie, Performance und Theater begab sich STEGREIF.chamber zusammen mit dem Publikum auf ein grenzüberschreitendes Wandelkonzert nachts im Museum.

Ein Beitrag der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig.

Ausgezeichnet mit dem Preis für Wiederaufführbarkeit 2017

Aufführendes Ensemble:
STEGREIF.chamber

VIDEO-DOKUMENTATION

Das VKKO (Verworner-Krause-Kammerorchester) entfaltet Klang. Es bringt Musik zum Blitzen, Zischen und Krachen. Feine Melodien werden durch tiefdröhnende Bässe und elektronische Beats zu energiegeladenen Klangwelten entwickelt. Es entsteht ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Große Orchesterklänge werden kraftvollem Gesang gegenübergestellt und mit ihm verwoben. Schwingungen durchdringen das Publikum und es bildet sich ein außergewöhnlicher Klang-Kosmos fernab traditioneller Klassikkonzerte.

Die packenden Live-Performances des VKKO werden dirigiert von Christopher Verworner und Claas Krause. Melancholische Songs mit filmmusikalischen Harmonien werden von den Musikerinnen und Musikern virtuos mit dancefloor-orientierten Rhythmen angereichert. Die Klänge sind wild wuchernd und energiegeladen, kraftvoll und dann auch wieder ganz zerbrechlich. Ergänzt wird die Musik durch exakt abgestimmte Videoprojektionen, die das Konzerterlebnis intensivieren.

Das Ensemble versteht sich als Produzent unterschiedlichster Kunstformen. Es wirkt nicht nur musikalisch, sondern produziert auch eigene Kurzfilme und Musikvideos, schneidert seine eigenen Bühnengarderoben und entwickelt aufwändige Album-Cover.

So vielgestaltig wie die Arbeit des VKKO sind auch die Spielorte, an denen das Orchester bereits wirken konnte. Das Ensemble trat bereits im Technoclub Harry Klein in München, beim Fusion Festival und dem Digital-Analog Festival sowie im renommierten Jazzclub „Unterfahrt“ oder dem Jazzfestival in München auf.

Ein Beitrag der Hochschule für Musik und Theater München.

Ausgezeichnet mit dem Preis für Originalität

Aufführendes Ensemble:
VKKO

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Werden Revolutionen im Nachhinein verklärt?

Das Werk „Madame Lenin“ stellt die Vorstellung von Revolution in Frage. Bei allen Neuerungen wie der Weiterentwicklung des Menschen, der Technisierung
und dem Fortschrittsgedanken werden die negativen Auswirkungen mitunter übersehen – und zusammen mit ihnen die Menschen, die auf der Strecke bleiben, die vom Fortschritt abgehängt werden, die in andere Richtungen streben oder die auf sonstige Art und Weise abweichen.

Madame Lenin steht im Mittelpunkt einer musikalisch-szenischen Performance, die Übergänge und Grenzen auslotet: Normalität wird „verrückt“, verständliche Sprache wird zu Vernunft überschreitendem Klang. Madame Lenin, Protagonistin des gleichnamigen Stücks von Welimir Chlebnikow, ist gegen ihren Willen Insassin einer psychiatrischen Anstalt. In den Augen ihres behandelnden Arztes ist Madame Lenin eine Verrückte. Doch was ist eigentlich Normalität? Und wann wird sie zum Problem, das behandelt werden muss?

Die Textvorlage ist konsequent als Einsicht in das Innere von Madame Lenin angelegt – 13 verschiedene Stimmen ersetzen die handelnden Personen und geben ihre Sinneseindrücke und Gedanken wieder. Ihr Inneres wird geäußert. Wir haben teil an ihren Schmerzen, ihren Ängsten, ihrer Behandlung. Wir werden Teil Madame Lenins…

Ein Beitrag der Hochschule für Musik Freiburg im Breisgau.

Aufführendes Ensemble:
zeug und quer

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